Barcamps als gelebte soziale Agilität: Mein Review zum #sozialcamp

Was habe ich getan?

Ernsthaft stelle ich mir diese Frage, bezogen auf die letzten zwei Tage!

Ich war auf dem ersten Barcamp Soziale Arbeit, im Netz besser zu finden unter dem #sozialcamp.

Zwei Tage raus aus dem Alltag, raus aus der Arbeit und gleich rein in eine andere Welt. Für mich, der sich oftmals so vorkommt, als würde er die Soziale Arbeit von außen betrachten, ein Schritt rein in die Realität.

Aber auch hier der Reihe nach:

Ich werde nicht beschreiben, was ein Barcamp ist, ich werde auch nicht beschreiben, was das #sozialcamp genau ist oder wie es verlaufen ist. Dazu gibt es schon jetzt und wird es wohl später einige Beiträge geben. Es wird aber sicherlich immer irgendwie einfließen, aber nicht ganz so strukturiert.

Wie Ihr das bereits gewohnt seid, stelle ich mir eher die Frage der Verknüpfung der Dinge, die ich so tue und erlebe, mit der Entwicklung von Organisationen. 

Augenhöhe? Schon wieder?

Johannes Mirus, als einer der beiden Organisatoren des Barcamps, führt in den ersten Tag ein und benutzt prompt das Wort „Augenhöhe“.

Er muss selbst schmunzeln: Das Wort ist leider inzwischen ziemlich ausgelutscht und in einer Reihe mit den Menschen im Mittelpunkt zu nennen, die auch überall angeführt werden, deren Realität sich jedoch alles andere als im Mittelpunkt anfühlt.

Aber – als Rückblick – muss ich sagen, dass sich das mit der Augenhöhe tatsächlich eingelöst hat.

Die Gespräche mit Professoren, Geschäftsführern, Abteilungsleitern, Studierenden, Menschen aus dem Sozialen Bereich, Menschen, die von außen kommen, Menschen, die erfahren im Besuch von Barcamps sind mit Neulingen in dieser anderen Art der Konferenzgestaltung funktioniert tatsächlich auf Augenhöhe.

Faszination und Energie

Es ist faszinierend zu erleben, welche Kraft, welche Energie sich öffnet, wenn man Funktionen, Hierarchien, Status und insgesamt vielleicht ein wenig das eigene Ego hinten anstellt und zuhört, gestaltet, mitdiskutiert, auch sehr kontrovers und kritisch Dinge hinterfragt.

Für die Entwicklung von Organisationen, für die Kommunikation in Organisationen und insbesondere für die Kommunikation, die sich, wie vieles, im Rahmen der Digitalisierung ändern wird, ergeben sich aus meiner Perspektive mit dem BarCamp enorme Potentiale, die in Organisationen und auch Organisationen der Sozialwirtschaft einfließen müssen.

Ich selbst habe übrigens zwei Sessions angeboten.

Innovationsfähigkeit in Organisationen der Sozialwirtschaft

Einmal habe ich zum Thema meiner Master-Thesis ein Feedback aus der Praxis bekommen wollen, wie denn meine theoretischen Überlegungen zur Innovationsfähigkeit in der Praxis ankommen, ob es Ansätze gibt, mit denen man arbeiten kann, die dann auch ggf. tatsächlich die Innovationsfähigkeit von Organisationen der Sozialwirtschaft steigern.

Fazit zum einen

Fazit der Session ist für mich, dass das Thema der Innovationsfähigkeit zum einen eine enorm hohe Relevanz besitzt.

So wurde auch in den anderen Sessions, die sich teilweise intensiv mit der Digitalisierung und digitaler Kommunikation auseinandersetzten, deutlich, dass Innovation auch für Organisationen der Sozialwirtschaft zunehmend relevanter wird.

Die leider parallel stattfindende Session von Roland Knillmann verdeutlicht dies vielleicht. Er hat gefragt: „Machen uns die Plattformen platt…“ und hat damit auf disruptive Innovationen in und für Organisationen der Sozialwirtschaft abgezielt.

Ein paar Fragen dazu: Bekommen soziale Organisationen überhaupt mit, was um sie herum passiert? Ist es möglich, dass in bestimmten Branchen (bspw. Pflege) private Anbieter großen „Tankern“ wie Organisationen der Caritas die Butter vom Brot nehmen, in dem sie schnell, flexibel, agil und anders arbeiten? Wie muss und kann die Caritas darauf reagieren?

Fazit zum anderen

Fazit der Session zum anderen ist, dass ich versuchen muss, dass aufgrund der systemischen Herangehensweise sehr umfangreiche Thema (angefangen von der Umwelt über die Prozesse der Organisationen, Strukturen und Organisationskultur bis hin zu Möglichkeiten der Geschäftsmodellinnovationen) noch deutlich konkreter zu fassen, um Handlungsmöglichkeiten schnell und einfach zu verdeutlichen.

Hieran werde ich mal noch weiterarbeiten. Und damit schon an dieser Stelle allen Mitdiskutanten und -onkeln ganz herzlichen Dank für Eure Impulse…

Agile Soziale Organisationen

Dann habe ich noch Daniel Woltemate kennengelernt, der leider nicht so wirklich im Netz auffindbar ist. Schon bei der Vorstellungsrunde haben wir festgestellt, dass wir uns mit sehr ähnlichen Themen beschäftigen. Allen voran ist dabei die (Neu-)Gestaltung der Zusammenarbeit von Menschen in Organisationen der Sozialwirtschaft zu nennen.

Daniel hat sich lange und intensiv mit agilen Methoden und deren Übertragbarkeit auf Organisationen der Sozialwirtschaft beschäftigt und schon war die Idee geboren, am zweiten Tag eine Session zu agilen sozialen Organisationen anzubieten.

Ich habe dabei eine Einführung in die Veränderung der Arbeitswelt und einen Blick auf den Unterschied zwischen komplizierten und komplexen Organisationsdenkweisen gegeben. Daniel hat dann das agile Arbeiten auf Organisationen der Sozialwirtschaft bezogen.

Unsere Grundfrage lautete: Kann so etwas auch in Organisationen der Sozialwirtschaft funktionieren?

Für mich enorm spannend dabei die Feststellung, dass es auch hier einem langsamen Herantasten an die Grundhaltung agilen Arbeitens bedarf, um die Menschen, die in klassischen Strukturen groß geworden sind, mitnehmen zu können und nicht zu überfordern. Allein der Hinweis darauf, dass agile Arbeits- und Organisationsformen ihren Ursprung in der Software-Entwicklung haben, kann abschreckend wirken.

Gleichzeitig ist aber auch hier wieder auf die Notwendigkeit zu verweisen, dass es neuer lebendiger und weniger hierarchisch belasteter Kommunikations- und Arbeitsformen bedarf, um die zukünftigen Herausforderungen Sozialer Arbeit, wozu auch eine zunehmende Digitalisierung gehört, in den Griff zu bekommen.

Als Fazit der Session überlege ich gerade, ob es nicht so etwas wie einer kleinen Publikation oder eines E-Books bedarf, das vielleicht „Agile in a minute“ heißt, um die komplexe Thematik auf wenige Worten herunterzubrechen und das Grundverständnis und die Notwendigkeit schnell und einfach auch für Organisationen der Sozialwirtschaft verdeutlicht.

Hach, was man nicht alles machen könnte… 😉

Besuchte Sessions – meine Highlights

Ich habe darüber hinaus natürlich selber noch einige Sessions besucht, die ich hier nicht alle wiedergeben will, auch wenn es jede einzelne verdient hätte. Aber es wird wohl eine Blogparade zum #sozialcamp von Sabine Depew geben, in dem es sicherlich mehr Raum für die einzelnen Sessions geben wird.

Meine zwei Highlights!

Besucht habe ich einmal die Session von Christian Müller aka @sozialpr.

Wie verändert digitale Kommunikation die Organisation?

Neben dem, dass ich Christian schon immer mal live sehen und vor allem Kennenlernen wollte, war die Session zum Thema „Wie verändert uns digitale Kommunikation“ mit dem Fokus darauf, wie der Entschluss, als Organisation digital zu kommunizieren die Organisation selbst verändert.

Neben dem, dass Christian ein echter Profi auf seinem Gebiet ist und eine informative, gut strukturierte und inhaltlich ausgefeilte Session geliefert hat, hat mich wiederum der Bezug der Digitalisierung zur Entwicklung der Organisation fasziniert. So führt der bloße Entschluss, jetzt endlich mal digital zu kommunizieren, nicht weit, wenn die damit einhergehenden Auswirkungen auf die Organisation nicht bedacht werden. Wenn ich als Chef, Vorgesetzter, Abteilungsleiter immer noch die Kommunikation „unter Kontrolle“ halten will und damit einhergehend meinen Mitarbeitenden begrenzt vertraue, muss ich mich nicht wundern, wenn das Projekt Digitalisierung im Besten Fall scheitert, im schlimmsten Fall aber zu echten Problemen führt. Kontrolle aufzugeben und den Mitarbeitenden die Verantwortung zu geben und die Fähigkeit zuzutrauen, auch denken zu können, erfordert einen echten Schritt in bislang hierarchisch geführten Organisationen. Und der Link zu den agilen Organisationen und zur Innovationsfähigkeit ist geschlagen. Hier wäre es sicherlich spannend, von hochschulischer Seite Forschungen dahingehend anzustellen, inwieweit die digitale Kommunikation zu Entwicklungen in den Organisationen geführt hat.

Digitale Lobbyarbeit?

Weitergehend habe ich die von Jürgen Holtkamp angebotene Session zur Frage, inwieweit digitale Lobbyarbeit für soziale Organisationen zu betreiben ist, besucht. Die Frage hier lautet: Kann man auch Lobbyarbeit digital betreiben.

Dieses Thema weist eine enorme Komplexität auf, da zu klären ist, auf welcher Ebene die Organisation Lobbyarbeit betreiben will (lokal, national, europäisch) und welchen Sinn und Zweck die Lobbyarbeit verfolgen soll. So ist Lobbyarbeit bzgl. bestimmter, klar umrissener Themen einfacher zu realisieren als bezogen auf breite Themen, die sowieso schwer zu kommunizieren sind.

Ein weiterer Aspekt, der das Thema so herausfordernd macht, zeigt sich in der „postfaktischen“ Herangehensweise an Themen. Geschichten, die Emotionen hervorrufen, „ziehen“ einfach mehr als Fakten, was uns spätestens seit den Wahlen in den USA zu denken geben sollte.

Gleichzeitig kann es aber – zumindest aus meiner Sicht – kein Weg sein, Lügen und Unwahrheiten zu erzählen, nur um Wählerstimmen oder Aufmerksamkeit zu generieren. Spannender, aber wiederum deutlich anspruchsvoller ist es, die NutzerInnen Sozialer Arbeit selbst in den Fokus der Geschichten zu stellen. Hier hat bspw. Raul Krauthausen gezeigt, dass mediale Öffentlichkeit einfacher zu erreichen ist, wenn sich mehrere Rollstuhlfahrer festketten, als dass es große soziale Organisationen mit noch so ausgefeilten Medienkampagnen schaffen können.

Was bleibt?

Welche Möglichkeiten bietet ein BarCamp für die Soziale Arbeit übergreifend und welchen Eindruck hinterlässt das #sozialcamp im speziellen?

Ganz klar ist: Es muss weitergehen.

So freue ich mich schon jetzt auf die zweite Ausgabe.

Für mich bleibt auch, dass es faszinierend ist, sich wirklich auf Augenhöhe auszutauschen, Ideen zu entwickeln und soziale Arbeit aus unterschiedlichsten Perspektiven weiterzudenken. Wahrscheinlich ist auch die Blogparade eine gute Möglichkeit, einzelne Aspekte zu vertiefen und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Auch Initiativen wie der Twitterstammtisch Soziale Arbeit bieten Möglichkeiten, Themen weiter zu diskutieren und neue, innovative Lösungen zu entwickeln. Kritisch anmerken ließe sich vielleicht, dass das Barcamp in Bonn – ausgerichtet von der Caritas Köln – verständlicherweise eher Caritas-lastig war. Vielleicht besteht auch die Möglichkeit, das BarCamp dahingehend zu entwickeln, dass es eher auf die Beine eines oder mehrerer Sponsoren gestellt und vielleicht am Wochenende angeboten wird? Aber es braucht definitiv jemanden, der den ersten Schritt macht.

Deswegen an dieser Stelle einen ganz großen Dank an Sabine ebenso wie Johannes Mirus und Sascha Förster für die tolle Organisation.

Übergreifend sind Barcamps in meinen Augen eine Wahnsinns-Möglichkeit, soziale Arbeit insgesamt anders, neu und aus unterschiedlichen Perspektiven zu diskutieren. Und darüber ergeben sich ggf. auch Möglichkeiten der Professionalisierung sozialer Arbeit, da es möglich wird, Theorie und Praxis, Menschen unterschiedlicher Hierarchieebenen und unterschiedliche, eigentlich konkurrierende Organisationen in einer Veranstaltung zusammenzubringen und wirkliche Lösungen jenseits von Standesdünkel, Elfenbeintürmen und Befindlichkeiten für die Menschen, die Angebote Sozialer Arbeit wahrnehmen (müssen), zu entwickeln.


Zum #sozialcamp weiterlesen: 

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5 Kommentare zu „Barcamps als gelebte soziale Agilität: Mein Review zum #sozialcamp“

  1. Hat dies auf mampels welt rebloggt und kommentierte:
    Meine Kollegin Anna Schmidt hat das Stadtteilzentrum Steglitz e.V. beim #sozialcamp in Bonn „vertreten“ – nach diesem inspirierenden Artikel von Hendrik Epe ärgere ich mich schon ein bisschen, dass ich nicht auch dorthin gefahren bin – aber beim nächsten Mal lasse ich mir das nicht entgehen 🙂

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