Master-Thesis-Tagebuch Teil IV oder: Strukturen für Spiritualität

Das klingt jetzt aber wirklich etwas seltsam:

Spiritualität und Master-Thesis. Das passt in etwa so gut zusammen, wie Ehrlichkeit und Abgase. Oder gibt es doch ein paar Parallelen?  Vor ein paar Tagen waren wir bei lieben Freunden. Wir haben im Garten gesessen, einen grandiosen Käsekuchen gegessen und über das Leben und den ganzen Rest philosophiert. Irgendwann kam das Thema auch dahin, dass die Freundin der Freunde, sozusagen, die letzten Tage in einem buddhistischen Kloster verbracht hat. Einige Wochen zuvor hat meine Frau eine Woche in einem katholischen Kapuziner-Kloster verbracht. In der Zeit habe ich mich um die Kids gekümmert, das ist aber eine andere Geschichte.

Strukturen für Spiritualität

Wir sind dahin gekommen, dass es bezogen auf Spiritualität darum geht, Rahmenbedingungen, Strukturen, zu schaffen, die die Auseinandersetzung mit dem Alltag möglichst reduzieren. Man muss nicht überlegen, wann man aufstehen muss, wann man kochen muss, man muss die Kinder nicht in die Schule bringen, man muss nicht überlegen, was man wann am Tag tut. Das Leben ist vorgegeben, klar strukturiert, routinisiert, eingeteilt.

Sich selbst sehen

Dadurch eröffnet sich die Möglichkeit, sich selbst zu sehen. Es besteht die Möglichkeit, das – Entschuldigung für den Begriff – Hirngeficke auszuschalten und hinter die Kulissen zu schauen. Spannend dabei ist, dass trotz des bei einer Familie mit drei Kindern alles bestimmenden Alltags immer noch etwas zu finden ist. Es ist beruhigend zu sehen, dass hinter der Auseinandersetzung mit Essen, Schule, Windeln, Kinderkrankheiten, Hundescheiße an Schuhen und der Frage, wie man das alles finanzieren soll, immer noch etwas übrig geblieben ist von einem selbst.

Lustigerweise ist es ja oft so, dass Meditation  oder auch die Zeit im Kloster dazu dienen sollen, das oft alles bestimmende Ego etwas in den Griff zu kriegen. Für Eltern mit mehr als einem Kind ist es jedoch so, dass es eher darum geht, den Rest Ego noch irgendwo wieder zu finden. Somit verschiebt sich der Fokus ein wenig 😉

In Klausur

Ich sitze, während ich diese Zeilen schreibe, im Zug. Im Zug auf dem Weg zu meinen Eltern. Ich habe mir eine Woche gegeben, in der ich meiner Master-Thesis den letzten Schliff geben werde.  Ich werde versuchen, mich eine Woche – wie man so schön sagt – in Klausur zu begeben, um die oft noch nicht richtig zusammenhängenden Teile meiner Arbeit zusammen zu bringen. Ich werde versuchen, die Ruhe bei meinen Eltern zu nutzen, um den hinter dem ganzen Alltag liegenden roten Faden der Arbeit zu entdecken und möglichst so darzustellen, dass er auch für Dritte (zum Beispiel die Prüfer) ersichtlich und nachvollziehbar wird.

Somit suche ich nicht mich, sondern den Inhalt meiner Arbeit. Vielleicht gibt es da ja was, dass ich noch nicht entdeckt habe, was schön wäre… Um das herauszufinden, brauche ich die Strukturen für Spiritualität.

Vergleich gestern und heute

Wenn ich die aktuelle Lebensphase mit der Phase vergleiche, in der ich meine Diplomarbeit – übrigens ziemlich genau vor zehn Jahren – geschrieben habe, dann muss ich oft schmunzeln. Damals war der Tag eingeteilt in vier Teile: 4 Stunden schreiben, 4 Stunden Sport, 4 Stunden Bier trinken und den Rest noch etwas Leben und schlafen. Umgezogen bin ich auch noch ziemlich regelmäßig. Haushalt und Alltag habe ich sicherlich oft vernachlässigt. Sorry, dafür, Jungs (meine WG-Mitbewohner).

Heute besteht mein Rhythmus aus schlafen (etwa 7 Stunden), Master-Thesis schreiben (etwa 1 Stunde), Arbeiten (inkl. Pendeln etwa 10 Stunden), Familie, Kinder, Haushalt (etwa 4 Stunden) und dann noch 2 Stunden nix.

Für mich immer wieder spannend ist, dass es mir mit meinem heutigen Leben deutlich besser geht als in meinem damaligen, sagen wir mal, selbstbestimmten Leben. Ich kann mich besser (wenn auch noch nicht richtig gut) fokussieren auf das, was wirklich wichtig ist.

Was wirklich wichtig werden wird?

Was aber ist wirklich wichtig und was wird wirklich wichtig werden?  Aktuell ist das einfach: Meine Familie (die es hoffentlich immer bleiben wird), meine Arbeit (um den ganzen Spaß zu finanzieren) und der Abschluss des Studiums.

Aber die Frage, was wirklich wichtig werden wird, ist schon deutlich schwerer zu beantworten. Dabei geht es darum, was das Ziel des Studiums war, wo ich beruflich hin will, wer in meinem Leben dazu wie beiträgt. Vielleicht muss ich mich zur Beantwortung der Fragen wieder einmal in Klausur begeben, wieder auf die Suche nach mir selber…

Zum Abschluss konkret

Zum Abschluss will ich aber über das Spirituelle hinaus (ich muss selber schmunzeln) ein paar Rahmenbedingungen der Arbeit darlegen:

1. Thema

Beim nächsten Mal würde ich ein anderes Thema wählen. Zwar ist das Thema der „Innovationskompetenz in Organisationen der Sozialwirtschaft“ mehr als spannend und herausfordernd. Gleichzeitig ist es jedoch so komplex, dass der Fokus der Arbeit schnell verloren gehen kann. Wenn ich aktuell immer mal wieder Anfragen zu Themenstellungen von Abschlussarbeiten bekomme rate ich immer dazu, ein Thema zu wählen, dass eindeutig bearbeit- und beantwortbar ist. In meinem eigenen Fall hätte bspw. die Ausrichtung auf die Frage, wie die Organisationsstrukturen die Innovationsfähigkeit von Organisationen der Sozialwirtschaft  beeinflussen, völlig ausgereicht. So sind aber Organisationsstrukturen (natürlich) Teil der Organisation und damit auch Teil meiner Arbeit, aber gleichzeitig so umfangreich, dass es schwerfällt, hier einen klaren Rahmen zu setzen. Ich erinnere mich an die Worte meines Chefs (ehem. Uni-Prof.), der sich schon vor einigen Jahren über Arbeiten von Doktoranden aufgeregt hat, die irgendwelche blumigen Themen bearbeiten und damit immer wieder dahin kommen, von den fehlenden Grenzen der eigenen Arbeit erschlagen zu werden.

2. Umfang

Mit dem komplexen Thema geht einher, dass die Arbeit umfänglich wird. Ich bin jetzt bereits über die eigentlich festgesetzte maximale Seitenanzahl hinaus und habe den Schluss noch nicht wirklich formuliert. Somit ist ein weiteres Ziel, die Seitenzahl der Arbeit auf ein vertretbares Maß zu reduzieren, ohne den Inhalt (noch weiter) zu verkürzen. Gleichzeitig lässt sich diskutieren, ob eine Begrenzung der Seitenanzahl überhaupt sinnvoll ist, aber nun ja, es ist, wie es ist…

3. Inhalt 

Aus meiner Sicht ist der Inhalt (natürlich) mehr als spannend. Blöd wäre, wenn das nicht so wäre… Aber ganz ehrlich: Am Ende der Arbeit stelle ich fest, dass Innovation in Organisationen der Sozialwirtschaft einerseits ein enorm komplexes Thema ist (siehe Punkte 1. und 2.). Gleichzeitig ist aber auch mehr als deutlich, dass sich Organisationen der Sozialwirtschaft zwingend mit Fragen der Steigerung ihrer Innovationsfähigkeit auseinandersetzen müssen, um zukunftsfähig zu bleiben. Und dazu liefert die Arbeit Ansätze. Der geneigte Leser ebenso wie die geneigte Leserin  wird wohl immer wieder mit Erkenntnissen aus der Arbeit konfrontiert werden. Freut Euch drauf!

4. Seminar?

Ich stelle mir die Frage, ob es Sinn macht und auf Interesse stößt, ein Seminar zu der Thematik anzubieten: „Wie lässt sich die Innovationsfähigkeit von Organisationen der Sozialwirtschaft trotz begrenzender Rahmenbedingungen steigern?“.

Was meint Ihr? Gibt es dazu Interesse?

Über ein Feedback würde ich mich enorm freuen!

Und jetzt aber weiter schreiben! Das abstract wartet 😉

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8 Kommentare zu „Master-Thesis-Tagebuch Teil IV oder: Strukturen für Spiritualität“

  1. Mein buddhistischer Lehrer sagte mir neulich: „Am Ende des Lebens stellen sich die Menschen nur zwei Fragen: Habe ich ein stimmiges Leben gelebt? Und: Habe ich genug geliebt? Und nicht: War ich erfolgreich als Geschäftsfrau?“

    Oder in Deinem Fall: Habe ich die bestmögliche Master-Thesis geschrieben? Er muss es wissen, denn als Arzt hat er schon viele Menschen in den Tod (bzw. in das nächste Leben 😉 ) hinübergeleitet… Sich das ab und zu vor Augen zu führen, entlastet ganz schön. Viele Grüße aus Berlin und ein sonniges Wochenende, Lydia

  2. Meines Erachtens besteht der Bedarf die „Innovationsfähigkeit von Organisationen der Sozialwirtschaft trotz begrenzender Rahmenbedingungen zu steigern.“ Eindeutig ja. Ich beantworte Deine Frage aus der Sicht als Gesundheitscoach und angestellte Sozialarbeiterin in TZ .

    DEINE Zielgruppe hingegen sind die Geschäftsführungen und Leitungen/ Führungskräfte mit umfänglichen Befugnissen innerhalb ihrer Non-Profit-Organisationen sein. Eine Partizipation/Mitarbeit bzgl. Innovation durch die Mitarbeitenden ist meines Erachtens (zunächst) nicht möglich.

    Ein Veränderungsprozess muss natürlich gesteuert werden, sonst verpufft eine innovative Idee.
    Wie wär es, wenn Du ein z.B. ein „InnovationsCoach Sozialwirtschaft“ wärst? Hier ist ein Beispiel http://www.conzepte.info/component/k2/item/1267-pilotprojekt-innovationscoach-sozialwirtschaft

    Allerdings muss sich Innovation in erster Linie an den Bedarfen der Adressaten und Adressatinnen ausrichten. Ist es aktuell möglich, dass die Ebene der Führung der Non-Profit-Organisationen, den Bedarf sehen. Da sehe ich aktuell keinen Bedarf.

    Und „Spiritualität“ kann seinen Raum einnehmen, wenn dies zum Leitbild der Organisation gehört und gelebt werden will.

    1. Liebe Elke,

      jetzt noch einmal, unter etwas weniger Zeitdruck: ich bin immer noch begeistert und danke Dir ganz herzlich für den Link zum „InnovationsCoach“ des Paritätischen. Den werde ich direkt mal in meine MA-Thesis einbauen 😉

      Anmerken wollte ich nur, dass aus meiner Perspektive nicht zwingend an den Bedarfen der Adressaten und Adressatinnen (wenn du damit die Klientel Sozialer Arbeit meinst) ausrichten muss. So ist es auch denkbar, Innovation als wirtschaftliche oder Prozessinnovation zu begreifen, die zunächst einzig die Arbeit organisationsintern positiv beeinflusst. Dies hat dann ggf. sekundär Auswirkungen auf die Klientel.

      Das aber nur am Rande, in der Mittagspause, sozusagen 😉

      Liebe Grüße und Dir ein gutes Wochenende!

      Hendrik

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