Innovationsfördernde Studienbedingungen in Studiengängen der Sozialen Arbeit

Einführung

Gerade befinde ich mich auf dem Weg zu einer Akkreditierung an einer Berufsakademie. Akkreditiert werden soll ein Bachelor-Studiengang der Sozialen Arbeit, der bereits seit einigen Jahren sehr erfolgreich läuft. Bei der Sichtung der Unterlagen und der Vorbereitung auf das Verfahren habe ich mir die Frage gestellt, inwieweit Innovationen in Studiengängen der Sozialen Arbeit eine Rolle spielen. So ist das Studienmodell der Berufsakademie insofern innovativ, als das sich dreimonatige Praxisphasen mit dreimonatigen Theoriephasen abwechseln. Das System ist insofern wieder nicht innovativ, als das dieses Modell für Berufsakademien konstitutiv ist, seit vielen Jahren erfolgreich angewandt wird und damit eben ein etabliertes und eben nicht innovatives Konzept ist. Man könnte hier die Frage stellen, welches Studienmodell „besser“ ist, also die Frage nach einem Vergleich zwischen klassischem und dualem Studienmodell. Das soll aber nicht Thema sein, vor allem, da diese Frage kaum zu beantworten ist.

Welche Studienbedingungen fördern aber Innovationen? Kann man diese Frage so grundsätzlich beantworten? Was sind Innovationen? Was soll „innovativ“ angegangen werden?

Innovationen

Innovationen definieren sich darüber, dass neue Ideen umgesetzt werden, den Markt durchdringen, Veränderungen bewirken. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu Ideen, die einmalig sind, nicht nachhaltig wirken. Wie können also Studiengänge so gestaltet werden, dass die Suche nach neuen Ideen und deren Umsetzung und nachhaltige Verankerung Teil des Studiums werden?

Innovative Studiengangsentwicklung

Grundsätzlich gilt, denke ich, dass ein Studiengang in einem bestimmten Fach oder einer bestimmten Disziplin die Anforderungen dieser abdecken sollte. Mit anderen Worten: da wo Soziale Arbeit draufsteht, sollte auch Soziale Arbeit drin sein. Schon hier wird die Beantwortung nicht einfach. Mit Blick auf Rahmenwerke für Studieninhalte, von denen es in der Sozialen Arbeit einige gibt (bspw. Qualifikationsrahmen Soziale Arbeit des Fachbereichstages, Kerncurriculum Soziale Arbeit der DGSA oder auch den Beschreibungen der Schlüsselkompetenzen für Soziale Arbeit des DBSH) wird deutlich, dass es keine alpgemeingültigen Aussagen bezogen auf die Inhalte geben kann und auch nicht geben darf. Schon hier beginnt Innovation: Wie kann eine, mehr oder weniger autonom agierende, Hochschule die Studieninhalte so ausgestalten, dass ein „guter“ Sozialarbeiter das Studium verlässt? Wie verändern sich die Curricula der Hochschulen im Verlauf der Zeit? Welche neuen Inhalte sind in die Studiengänge eingeflossen? Hier bedarf es einem Vergleich der damaligen Curricula mit den aktuell an den Hochschulen gelehrten. Spannend dabei kann sein, ob und inwiefern die Akkreditierung einen Einfluss auf die inhaltliche Gestaltung der Studiengänge hat.

Innovative Studiengangsgestaltung

Wenn man an die Innovationen frei herangeht und basierend auf meinen bisherigen Erfahrungen in der Gestaltung von Studiengängen, wäre ein innovationsfördernder Studiengang derjenige, der für die Studierenden – neben den oben angeführten Inhalten – Freiheiten bietet, ihr Wissen und Können auszuprobieren. hier kommt die Pauschalkritik, dass dieses in den „neuen“ Bachelor-Studiengängen ja gar nicht mehr möglich wäre. Das ist Blödsinn und unterliegt ausschließlich dem Gestaltungswillen der Studiengangsverantwortlichen. Nirgendwo ist als Ziel festgehalten, dass ein Studiengang keine Zeit mehr lassen soll oder auch komplett strukturiert abzulaufen hat. Ein Anforderung aus Sicht der Akkreditierung ist aber, dass begründet werden muss, warum ein Studiengang wie gestaltet ist. Dieses ist in meinen Augen mehr als legitim, um so den Studierenden ein schlüssiges und eben zielführendes Konzept zu vermitteln.
Ansätze in die Richtung gibt es, hingewiesen sei bspw. auf die „Studium Generale“-Semester oder einzelne Module, die von den Studierenden aus dem Portfolio der Hochschule frei gewählt werden können. Wichtig in dem Zusammenhang erscheint mir aber – und da bin ich mir unsicher, inwieweit das an den Hochschulen gelebt wird – die Rückspiegelung der in den „freien Phasen“ gemachten Erfahrungen der Studierenden in den Gesamtzusammenhang des Studiengangs.

Motivation für Innovation

Hattie, ein australischer Bildungsforscher, hat sich die Frage gestellt, welche Bedingungen an Schulen zu möglichst guten Ergebnissen der Schüler führen. Sein theoretisch einfaches, in der Praxis jedoch revolutionäres Fazit lautet: Es liegt am Lehrer. Klar, das haben wir eigentlich schon immer gewusst. Jeder kennt Lehrer, die einen motiviert haben, die engagiert waren, die Neues ermöglicht haben, die Freiheiten gelebt haben etc. Jeder kennt das Gegenteil, jeder kennt Lehrer die mittags um zwölf lieber Golf spielen als sich um die Belange der Schüler zu kümmern. Was heißt das aber für die Innovationen in Studiengängen der Sozialen Arbeit? Es muss ein Klima vorhanden sein, dass Lehrenden und Studierenden dieses Neue, die Entwicklung, die Innovation als Ziel und nicht als zu vermeidendes Übel betrachten lässt. Eigentlich sollte das gerade für und in Hochschulen konstitutiv sein, was sonst? Die Realität, auch basierend auf eigenen Studienerfahrungen, zeigt jedoch, dass eher der Mainstream, eher das „Weiter so“ gefragt ist. Das ist auch bequemer, für alle Beteiligten: die Studierenden wissen, was auf sie zukommt, die Lehrenden wissen, was zu lehren ist und die Leistungen sind auch noch „objektiv“ zu beurteilen.
Es braucht somit Lehrende, die über den Tellerrand hinausschauen, die aber gleichzeitig noch wissen, was eigentlich auf der Speisekarte steht: Im Zentrum des Studiums sollte immer die Frage stehen, inwieweit was zur Sozialen Arbeit dazugehört, was zu nutzen ist, was neu sein kann, was verbessernd wirken kann usw. Dazu braucht es aber auch Studierende, die sich auf das Neue hinter dem Teller einlassen wollen und können. Ob diese beiden Bedingungen – offene Lehrende und ebenso offene Studierende – in den Hochschulen anzutreffen sind, ist fraglich, aber hier nicht zu beantworten. Es sollte jedoch darauf geachtet werden, dass ein entsprechendes Klima besteht. Vielleicht ist es auch ein Generationsproblem?

Der Versuch einer Zusammenfassung oder: was hat das mit Sozialer Arbeit zu tun? 

Zusammenfassend noch einmal kurz in Frageform:

  • Sind die Inhalte der Studiengänge aktuell? Was hat sich im Laufe der Jahre geändert?
  • Gibt es Freiräume innerhalb der Studiengänge, in denen es möglich ist, andere Erfahrungen zu sammeln? Und vor allem: Werde die Erfahrungen wieder eingebunden in den Studiengang?
  • Ist ein Klima vorhanden, das Innovationen fördert? Gibt es Personen, die über ihr Standardprogramm hinaus Erfahrungen ermöglichen? Die vielleicht sogar zusammen- und nicht gegeneinander arbeiten?

Für die Soziale Arbeit ist dies in meinen Augen von besonderer Bedeutung. So leidet die Soziale Arbeit – und das jetzt ohne zu jammern – immer wieder an dem Problem, dass die Anerkennung in der Gesellschaft nicht besonders ausgeprägt ist, um das mal vorsichtig auszudrücken. Damit einher gehen Bezahlungs-, Status- und Identitätsprobleme. Wenn jetzt noch hinzukommt, dass schon im Studium diese „depressive“ Haltung gelehrt, gelebt und vermittelt wird, stellt sich die Frage, wie ein Bild nach innen und außen vermittelt werden soll, dass diese Negativspirale aufbricht? Wichtig ist hier, dass Lehrende und Studierende – die in meinen Augen die Verantwortung für ein gelingendes Studium tragen – zusammen eine Kultur des Neuen etablieren, Denken lernen und dadurch Innovationen zulassen.

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